
"This is a tale long to live but alas so short to tell...
So pound the drums and strike the chords of chaos"
Dark Tranquillity - Of Chaos and Eternal Night
Auch Schwedendeath-Mucker sind Menschen, und es gibt allerlei lustige, kuriose oder einfach interessante Anekdoten, Gerüchte und ähnliche Randnotizen, die erwähnenswert sind.
Lange Zeit rankten sich Gerüchte darüber, wer denn nun auf der exzellenten zweiten Scheibe "Clandestine" von
Entombed für die Vocals verantwortlich war. Nach dem Ausstieg von Lars Göran Petrov grölte zunächst
ein gewisser Orvar Säfström (Nirvana 2002) die eher durchwachsene "Crawl"-EP ein. Auf den Promofotos und im Booklet von "Clandestine"
erscheint dann Johnny Dordevic (2.v.l.), der ehemalige Bassist von Carnage, der auch im Video zu
'Stranger Aeons' als Sänger zu sehen ist. Nach einigen Jahren gab die Band dann endlich zu, dass niemand anderes als Schlagzeuger Nicke
Andersson (1.v.l.) die CD eingesungen hatte. Im Prinzip nichts, wofür sich der gute Mann oder die Band schämen müsste, denn Nicke hat
mittlerweile die Trommelstöcke an den Nagel gehängt und singt in seiner Schweinerock-Band The Hellacopters. Im Nachhinein mutet das
ganze Verwirrspiel doch eher überflüssig und lächerlich an.
Im Video zu 'Stranger Aeons' von Entombed taucht nebenbei noch eine weitere interessante Person auf, nämlich die Frontfrau der schwedischen Pop-Band Army of Lovers. Offenbar gefiel der Dame die Musik so sehr, dass sie sich spontan zu dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit bereit erklärte.
Dismember sollten ursprünglich eigentlich "Dismemberizer" heißen, aber der Logozeichner - übrigens kein geringerer als Nicke Andersson von Entombed hatte Probleme, das Logo auf ein DIN-A4 Blatt zu bekommen, so dass er die letzten Buchstaben einfach wegließ, wodurch der endgültige Bandname entstand.
Bodenständigkeit bewiesen Dismember auch in Polen. Bei einem Konzert schmuggelte Drummer Fred Estby einige Fans durch den Hintereingang rein, die keine Kohle für ein Ticket hatten. Der Veranstalter wurde stinksauer, und die Band bezahlte die Tickets für die Fans aus eigener Tasche. DAS IST DEFINITIV METAL!!!
Dass innerhalb der zahllosen Schwedenbands allerlei Line-Up
Inzucht betrieben wird, ist kein Geheimnis. Ein prominentes Beispiel ist die Konstellation In Flames
/ Hammerfall. Jesper Strömblad, Gitarrist der Göteborg-Stars, trommelte nämlich das Debüt der Power-Metaller ein und war maßgeblich am
melodischen Songwriting beteiligt. Im Gegenzug steuerte Hammerfall-Gitarrist Oscar Dronjak auf mehreren
In Flames Alben Backing-Vocals bei. Beide Musiker waren außerdem zeitweise gemeinsam aktiv in der
Band Ceremonial Oath. Und schließlich taucht im Line-Up von beiden Bands ein Gitarrist
namens Glenn Ljungström auf. Alles klar?
Absoluter Kult ist das Interview, das Vanessa Warwick von MTV's Headbanger's Ball mit Entombed anlässlich der laufenden Gods of Grind Tour (mit Carcass, Cathedral und Confessor) durchführte. Die blonde Moderatorin gab sich alle Mühe, den Jungs einige brauchbare Statements zu entlocken. Dies scheiterte aber an den fehlenden Englischkenntnissen von Drummer Nicke und Bassist Lars bzw. deren alkoholbedingter abnehmender allgemeiner Sprachkompetenz. Trotzdem blieben die Jungs die ganze Zeit artig bei ihr und nippten permanent an ihren Bierdosen.
Probleme mit dem englischen Zoll und der englischen Justiz hatten Dismember. Die Ordnungshüter zerstörten zunächst eine Ladung LPs des Debüts "Like an Everflowing Stream", und kurz darauf wurde der Band ein Zensurverfahren wegen verbaler Obszönitäten angehängt. Insbesondere der Text zu 'Skin her Alive' war Stein des Anstoßes. Die Band wurde allerdings in einem glorreichen Musterurteil freigesprochen. Unter anderem wurde ein Kulturexperte zu Rate gezogen, der es schaffte, den Death Metal als anspruchsvolle und intensive Kunstform darzustellen vergleichbar mit antiken Tragödien und klassischen Kompositionen.
In einem Interview auf der aktuellen Live-DVD offenbart die Band aber, dass alles zwar sehr bizarr aber im Grunde recht harmlos war. Während der Gerichtsverhandlung hörten sich die englischen Richter das komplette (!!!) Album an, verstanden kein Wort und lachten sich über die Anklagevertreter heimlich schlapp, wie man sowas denn ernst nehmen und verbieten wollen könnte. Immerhin lieferte diese Affäre der Band neben einem Popularitätsschub auch die Inspiration für den Titel des Zweitwerks "Indecent and Obscene".
Auch Unleashed kennen Probleme mit dem englischen Zoll. Wegen unvollständiger Papiere verweigerte man ihrem Schlagwerker Anders die Einreise, was ziemlich ungünstig war, befand man sich doch gerade auf Europa Tournee mit Morbid Angel. In dieser Not musste man halt zu ungewöhnlichen Problemlösungen greifen. So stellte Sänger Johnny einfach seinen Bass in die Ecke, nahm selbst hinter der Schießbude Platz und sang gleichzeitig dazu.
Obwohl dies einige Shows lang recht gut funktionierte, war die Bühnenpräsenz natürlich eingeschränkt. Schließlich schnappte sich Morbid Angel Drummer einen Discman, studierte ein paar Unleashed Songs ein und trommelte dann einfach auch noch für seine Vorband. Klasse Aktion, die vor allem für die Coolness und das überragende Können dieses Ausnahmemusiker spricht. Für die Fans war es wohl ein faszinierendes Erlebnis, typische Unleashed-Böller wie 'Before the Creation of Time' in doppelter Geschwindigkeit zu genießen.
Eine Band, die man nur selten live zu Gesicht bekam, waren
Edge of Sanity. Der Hauptgrund lag wohl im fehlenden Vertrauen des Bandkopfes
Dan Swanö in die musikalischen Fähigkeiten seiner Mitstreiter. Er hatte die Befürchtung, die Jungs
würden eh nur die Gelegenheit zum billigen Saufen on Tour wahrnehmen. Die wenigen Auftritte die stattfanden waren allesamt von erster Sahne,
auch wenn im Dan Swanö Nachhinein einräumte, dass es hauptsächlich seine Schuld sei, weshalb
Edge of Sanity nie eine gute Liveband waren, da er auf der Bühne einfach zu schüchtern sei.
Bescheidenes Understatement pur.
Ein weiteres erwähnenswertes Detail ist, dass der 40minütige Song 'Crimson' auf gleichnamigem Album innerhalb von 24 Stunden in einer spontanen Laune unter Beteiligung aller Bandmitglieder entstand. Trotz aller Spannungen und Grabenkämpfen innerhalb der Band klappte gelegentlich doch alles wie am Schnürchen.
Unleashed sind dagegen eine der Death Metal Bands, die sich live besondere Mühe im Bezug auf den Unterhaltungsaspekt geben. So macht Frontmann Johnny auf deutschem Boden sämtliche Ansagen in der Landessprache, packt gelegentlich sein nordisches Trinkhorn aus und animiert das Publikum zu Mitsingspielchen der Marke "linke Seite gegen rechte Seite". Das ist Metal, insbesondere deshalb, da dies mit besonderer Vorliebe bei dem Hochgeschwindigeitsknüppel 'Neverending Hate' geschieht.
Viel Licht und Schatten, was
Live-Auftritte angeht, wechseln sich bei Tiamat ab. Überzeugte man zu seligen 'Wildhoney'-Zeiten mit
einer überirdischen Light- und Dia-Show, nervte die Band später mit Leuchtschminke und endlosem Pink Floyd Gedudel, was unheimlich
konsequent und progressiv wirken sollte, in Wirklichkeit stinklangweilig war. Symptomatisch war ein Auftritt auf dem Wacken Open Air, als man
dem hungrigen Publikum 'A Pocket Sized Sun' als Opener darbot, einen Song der 8 Minuten lang auf zwei Akkorden rumeiert. Das mag über
Kopfhörer daheim vielleicht funktionieren, ist aber auf einem Hartwurst-Open-Air an Ödheit kaum zu überbieten.
Der typische Gitarrensound ist eins der wichtigsten Trademarks des schwedischen Death Metals. Neben den ersten Entombed und Dismember Alben ist auch "Slaughter of the Soul" von At the Gates ein überzeugendes und vor allem eigenständiges Beispiel. Wer auch immer versucht, diesen genialen Sound zu kopieren, dürfte einige Schwierigkeiten haben. Denn das Geheimnis war, dass die At the Gates Gitarristen im Studio mit wackligen Lautsprechern der Marke 'Eigenbau' hantierten.
Nirvana 2002 sind eine Underground Band, die unter anderem einen Song namens 'Mourning' auf einem
Sampler kreiert hat. Als Anekdote zu diesem Song kann ich anführen, dass eine deutsche Band namens
Fermenting Innards genau jenen Song gecovert haben und bei ihrem Produzenten Dan Swanö wohl
einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben müssen ... :
"Ach, da war diese Band aus Deutschland mit norwegischen Lyrics und Corpsepaint, die sich nach einem alten Carcass-Song
benannt hatten und eine Coverversion von Nirvana 2002 einspielten. Oh, das sind Spinal Tap! Ich hab das gemacht, weißt du? Ich singe
sogar darauf, und ich spiele Keyboards."
Dan Swanö 2002 (auf die Frage, ob er sich an sämtliche Bands, die er jemals produziert hat, noch erinnern kann)
Wenn das die Jungs von Nirvana 2002 mal geahnt hätten...
Eines der großen
Geheimnisse der Musikbranche ist, woher die Musiker die Inspiration für ihre Kompositionen nehmen. Die einen versuchen es mit winterlichen
Spaziergängen bei Vollmond, andere mit dem Genuss von Gerstenkaltschale und süßlichen Rauchwaren, wieder andere mit dem Konsum diverser
Metzel-und-Gedärm Filmen. Wesentlich unspektakulärer sammelte Lars Pöge, Leadgitarrist von Desultory,
seine musikalischen Ideen. Sein damaliger Job bei einer schwedischen Wein- und Spirituosen-Firma bestand darin, den Filterprozess zu
überwachen. Da das ganze mehrere Stunden dauerte, hatte er genügend Zeit, neben den Kesseln seine Gitarre zur Hand zu nehmen und an seinen
atmosphärischen Melodien zu feilen. Was ihm seine Arbeitgeber netterweise gestatteten.
Das Tourleben ist eine der intensivsten Seiten des Musikerdaseins. Wo sonst als in einem miefigen, engen und oftmals zusammenbrechenden Bus kann man seine Kollegen so richtig hautnah erleben? Die legendäre Tour 1994 von Entombed und Napalm Death ist dem Grindcore-Maniac Barney in Erinnerung geblieben, vor allem wegen diverser Marotten des Entombed-Sängers Lars Göran Petrov. Dieser, so Barney, hat nicht nur eine Vorliebe für schmuddelig- weiße Feinripp-Unterhosen, sondern verbraucht dutzendweise dick belegte Zwiebelsandwiches. Den Mundgeruch-of-Death kann man sich sicher vorstellen.
The Boss, seines Zeichens Chef des
deutsch-schwedischen Black Mark Labels, war lange Zeit eine nebulöse Person im Musikbusiness. So hieß es, Black Mark würden neben
Bathory keine weitere Band aus Schweden dulden. Böse Zungen behaupteten, The Boss wolle Quorthon
lästige Konkurrenz vom Hals halten, da dies sein eigener Sohn sei. Natürlich ist dies ausgemachter Blödsinn, und mittlerweile sind zahlreiche
Bands aus Schweden bei der Firma unter Vertrag. Einen guten Einblick liefert der Sampler "Touch of
Death".
The Boss heißt im normalen Leben Börje Forsberg.Sein Pseudonym entstand durch die Zusammenarbeit mit einer schwedischen Heavy Metal Band namens Trash. Der Produzent ist übrigens stolzer Besitzer einer goldenen Schallplatte. Diese bekam er aber nicht für Bathory oder eine andere Metal-Band, sondern für eine Platte, auf der sich neben der Titelmelodie des DDR-Sandmännchens, die für das schwedische Fernsehen synchronisiert wurde, noch weitere Kinderlieder befanden.
Ein zum Heulen schönes Tourpackage bereiste im Herbst 2006 das mitteleuropäische Festland. Mit von der Partie bei der stilsicher benannten MASTERS OF DEATH Tour waren keine Geringeren als Dismember, Entombed, Grave und Unleashed. Die Reihenfolge der Bands wurde jeden Abend ausgelost, so dass wir es im Prinzip mit einer Co-Headlinertour von vier gleichwertig legendären Bands zu tun hatten. Weltklasse. Sehr nett übrigens, dass insbesondere Entombed sich nicht lumpen ließen und die Hälfte ihres Sets aus Stücken von den ersten beiden Alben bestritten. Inklusive "Supposed to Rot" als Rausschmeißer. Kann es etwas Schöneres geben? Ja: und zwar dem nicht gerade leichtgebauten Grave-Bassisten Fredrik beim Stagediven zu den Klängen seiner Landsleute zuzusehen.